Ein Arbeitstag im Seniorenheim – Perspektivwechsel für einen Abgeordneten
Im Rahmen der Aktion “Perspektivwechsel”, initiiert von der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen, bestritt ich am Dienstag, den 24. August 2010, im Caritas-Pflegeheim St. Michael in Dresden-Friedrichstadt, einen Tag im sozialen Dienst.
Ziel war es dabei, die Bereiche Politik, Wirtschaft, Gesundheit und Soziales einander näher zu bringen, die Blickrichtung der Teilnehmer zu verändern, gegenseitiges Verständnis zu fördern und die Rahmenbedingungen sozialer Arbeit deutlich zu machen.
Ganz bewusst entschied ich mich dabei für die Mitarbeit in einem Altenpflegeheim. Bereits im Wahlkampf 2009 besuchte ich eine Vielzahl von Einrichtungen, um mich direkt vor Ort bei den Bewohnern zu informieren.
Daher hielt ich es für sehr wichtig, auch einmal die andere Seite kennenzulernen, um zu erfahren, wie ein solcher Arbeitstag für alle Beteiligten abläuft und wo Probleme besonders zu Tage treten.
Als Mitglied im Landtagsausschuss für Soziales und Verbraucherschutz war es mir zudem ein persönliches Anliegen, zu verstehen, wie Menschen, für die meine Kollegen und ich im Parlament Entscheidungen treffen, ihr tägliches Leben meistern. Wie leben und arbeiten sie? Mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen haben sie täglich zu kämpfen?
Und das gelingt am besten, wenn man die Aufgaben selbst einmal bestreitet und mit den Augen des Anderen betrachten kann.
An der Seite von Schwester Margit begann um 7.30 Uhr mein Arbeitstag als Altenpfleger. Auf dem Vormittagsprogramm standen so zum Beispiel die morgendliche Körperpflege der Bewohner, die Begleitung auf Toilette, das Verteilen von Tabletten und natürlich das Reichen des Frühstücks. Schwester Margit zeigte mir, dass man mit Einfühlungsvermögen und dem richtigen Bauchgefühl jeden Einzelnen auf seine Weise erreichen kann.
Bis zum späten Nachmittag konnte ich aktiv miterleben, was es heißt, gute Pflege zu leisten. Dabei ist mir vor allem aufgefallen, wie viel Mühe, Zeit, organisatorisches Geschick und körperlicher Anstrengung es bedarf, um nicht nur das Tagespensum zu schaffen, sondern auch zu jedem Bewohner eine individuelle, zwischenmenschliche Basis aufzubauen und aufrecht zu erhalten.
Jede einzelne Mitarbeiterin und jeder einzelne Mitarbeiter haben mit ihrem Handeln meine Auffassung bestärkt, dass die Pflege von alten Menschen in unserer Gesellschaft vielmehr eine Berufung als ein Beruf ist. Nicht erst nach diesem Perspektivwechsel weiß ich, dass die Pflege und Betreuung einen immer wichtigeren Bestandteil des Miteinanders in unserer Gesellschaft darstellt. In den kommenden Jahren wird die Herausforderung, älteren Menschen einen angenehmen Lebensabend zu bereiten, immer größer werden. Neben den notwendigen Rahmenbedingungen für eine qualitativ hochwertige Betreuung und Pflege, ist es aber vor allem ein sehr schönes Erlebnis, mit 90- oder 100-jährigen Senioren Karten zu spielen oder sich aus deren Jugend erzählen zu lassen.
Mit den gewonnenen Eindrücken und Erfahrungen wird es mir noch besser gelingen, die Bedürfnisse und Belange im Pflegebereich realistisch einzuschätzen und die verantwortungsvolle Tätigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in dieser Branche angemessen zu beurteilen.
Ich hoffe sehr, dass sich wieder einmal die Gelegenheit bieten wird, einen solchen Wechsel der Perspektive erleben zu können. Denn nichts ist wichtiger, als die Eindrücke, die man im alltäglichen Leben sammeln kann.